Hauptinhalt des Blogs

Blogartikel

Artikelinhalt

Touren auf der persönlichen Liste üben einen besonderen Drang aus - wenn sie mal geplant wurden, rückt man ungern wieder davon ab, auch bei suboptimalen Verhältnissen.
Zugegeben, wirklich schlecht waren die Verhältnisse bei unserer heutigen Ski-Überquerung des Tennengebirges ja nicht: Wollten sich die Wolken zunächst nur zögerlich lösen, gab es ab zumindest ab dem späteren Vormittag Sonne satt. Wir waren fit, motiviert, und kamen gut voran.
Allerdings habe ich am Vormittag einen Aspekt des Wetterberichts etwas überlesen - oder im Eifer einer Wunschtour einfach etwas ignoriert, das ist wohl Interpretationssache. Der Wetterbericht hatte nämlich starken Föhnwind angesagt - per se noch kein Problem, sofern man sich kleidungstechnisch passend ausrüstet. Doch unser Tourenstart beginnt mit einer bösen Überraschung: meine Jacke liegt nicht im Auto, sondern daheim in der Garderobe. Als Ersatz gibts für mich daher die Primaloft der Dani - natürlich ist mir die etwas zu klein und Zumachen ist da kaum drin. Bei einer normalen Skitour im März sicher ausreichend für mich, wenn das Wetter halbwegs mitspielt.

Wir steigen also über eine Skitouren-Autobahn zur Tauernscharte auf und nehmen gleich mal den Tauernkogel mit. Weit ist es von dort mit etwas mehr als 100Hm ja nicht, auch wenn man den Gipfel bei der momentanen (Nicht-) Schneelage großteils zu Fuß besteigt.
Anschließend gehts Richtung Eiskogel weiter, doch vor dem Gipfelhang zweigen wir von der Spur der Massen ab und machen uns erst mal selbst ans Spuren: Zur Schartwand, unserem nächsten Ziel, leiten uns vereinzelte Wintermarkierungen; kurz unterhalb des Gipfels gesellt sich sogar eine alte, vom Wind mittlerweile fast unkenntlich gezeichnete Spur dazu. Am Gipfel stellen wir erstmal fest, dass auch dieser eigentlich ein Bonus zur Überquerung darstellt, denn die Wintermarkierungen führen eigentlich unterhalb vorbei. Daher steigen wir gleich wieder ab, denn auch die starken Windböen lassen kein Pausenfeeling aufkommen - zwar ist der Föhn auch hier schon so stark, dass wir kaum miteinander kommunizieren können, doch etwas später wird er uns im Vergleich als laues Lüftchen vorkommen.

Nach dem Abstieg von der Schartwand - wegen Schneemangels übrigens wieder zu Fuß - gehts erst mal einige Zeit über das einsame, weite Plateau des Tennengebirges weiter. Es sind schöne Momente: Wir ziehen einsame Spuren in beeindruckender Alpin-Szenerie.
Kurz vor dem letzten Gipfel unserer Tour meldet sich der Wind zurück, zunächst stark und aufdringlich, aber erträglich. Aber der Wind wird immer heftiger und das Gelände immer abgeblasener, mehr und mehr wird die Spurwahl zum Orientierungslauf zwischen den Felsen. Schließlich ist der Gipfel deutlich in Sicht und vor uns befindet sich eine Felsbrücke.
Ich gehe drauf zu, doch ich komme nicht weit - der Wind ist hier auf einmal so stark, dass mir im ersten Moment nichts Anderes einfällt, als mich hinzusetzen. Zunächst robbe ich ein paar Meter, dann richte ich mich vorsichtig wieder auf und stelle fest, dass das Gehen zwar sehr schwierig, aber an sich noch möglich ist. Ich schaue zurück zur Dani und zur Claudia, die nun auch den Kampf mit dem Föhnsturm aufgenommen haben - dabei reißt mir der Wind die Haube vom Kopf.

Meter für Meter kämpfe ich mich zum Scheiblingkogel hoch, auf der Suche nach dem Windschatten unterhalb des Gipfels. Schnee ist hier kaum noch vorhanden aufgrund des enormen Windeinfluss; ich gehe eigentlich mehr auf Gras und Stein. Immer wieder muss ich am Boden kauern, wenn mich der Wind aus den Skiern zu schmeißen scheint. Der Gipfel, so hart erkämpft, ist aber eine Ernüchterung, denn die eigentliche Abfahrt auf der anderen, windgeschützten Seite ist momentan gar nicht möglich: viel zu wenig Schnee und durchgehend felsdurchsetzt.
Es bleibt also nur das Umkehren, das in die Richtung noch unangenehmer als der Aufstieg ist, da ich hier nun direkt gegen den Wind arbeiten muss. Diesem Kampf ist auch meine Sonnenbrille nicht mehr gewachsen, die sich als nächstes von meinem Kopf verabschiedet - eine 130€ teure Julbo Zebra geht nun mit dem Wind. Mein Kopf und vor allem meine Augen sind nun komplett ungeschützt, die offene Primaloft-Jacke am Oberkörper hilft auch kaum gegen den Orkan. Der Rückweg erscheint mir ewig, und ich merke nun, dass ich mittlerweile komplett auskühle. An der Felsbrücke zurück habe ich Zitteranfälle und kann gegen den Wind kaum noch etwas sehen - Dani und Claudia gehen daher nun voraus und führen mich unterhalb des Gipfels an eine etwas windgeschützte Stelle. Dort hat die Claudia zum Glück noch eine Skibrille für mich parat und wir machen uns langsam an die Abfahrt, zunächst noch mit den Fellen, denn da wir nicht der eigentlichen Skitourenspur folgen können, müssen wir uns erst neu orientieren.

Mittlerweile hat sich etwas Unterkühlung in mir breit gemacht und für einige Zeit folge ich den beiden in einem leichten Trance-Zustand. Nachdem wir bald feststellen, dass wir für die Röth schon zu weit abgefahren sind, entscheiden wir uns für die "Schwer". Auch hier haben wir einen Spießrutenlauf durch die Felsen zu bewältigen, denn eigentlich ist die Schneelage ziemlich kümmerlich - an sich zwar fahrbar, aber nur bei guter Spurwahl. Bei der Abfahrt erhole ich mich wieder etwas und wir legen eine Pause ein, die erste richtige unserer Tour obwohl es schon vier am Nachmittag ist - das Adrenalin unserer Windschlacht hat uns offenbar Hunger und Durst vergessen lassen.

Die restliche Abfahrt ist für uns mehr kontrolliertes Runterkommen als Fahrspaß, denn wir sind schon zu erschöpft um im schweren, schon etwas durchnässten Waldschnee des unteren Bereichs noch vernünftige Schwünge zu ziehen. Als wir schließlich die Forststraße erreichen, freue ich mich - viel hätte da oben am Scheiblingkogel wohl nicht gefehlt, um mir ein böseres Ende zu bescheren.

Heutige Lernbotschaft für mich: Nie auf gute Verhältnisse verlassen, vor allem nicht bei der Ausrüstung, und wenns auch nur eine vermeintliche Frühjahrs-Skitour im März ist.

FACTS zur Tour:
Start: Wengerau
Ziel: Oberscheffau
Optional am Weg: Tauernkogel (2247m) - Schartwand (2329m) - Scheiblingkogel (2289m)
Distanz: ca. 17km
Höhenunterschied: ca. 1850hm
Momentan nordseitig im Bereich Scheiblingkogel sehr wenig Schnee, extrem abgeblasen und teilweise eingeweht. Abfahrt Schwer geht passabel, bei guter Spurwahl.
Südseitig gute Verhältnisse, das gibt sicher noch feine Firntouren dieses Jahr!

Die ersten Spitzkehren
Hackl Hütte

Tauernscharte

Tauernscharte

Tauernkogel
Am Tauernkogel

Abfahrt Tauernkogel




Blick zum Hochkönig

Schartwand

Abstieg Schartwand

Unendliche Weiten des Tennengebirges