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Ein Post auf gipfeltreffen.at bringt mich auf eine Tour, die sich in meinem Kopf festsetzt: Der Reinlweg (III) auf den Sandling in meinen heimatlichen Gefilden, dem Salzkammergut. Der Post im Forum beschreibt eigentlich eine wegen Wegfindungsschwierigkeiten missglückte Tour. Außerdem handelt es sich um eine sehr wenig begangene Kletterei mit alpinem Charakter - aber Herausforderungen wecken ja umso mehr mein Interesse...

Mir ist klar, dass so eine Tour nur ein vorsichtiges Probieren sein kann und dass ein Abbruch nicht unwahrscheinlich ist. Solche experimentellen Touren bringen bei mir einen unerfindlichen inneren Drang auf, der mich manchmal auch zum Alleingang treibt - stolz bin ich nicht, aber manchmal kann ich nicht anders und muss dem Drang nachgeben...


Ich mach mich also auf den Weg nach Oberlupitsch und parke beim Gasthof Sarsteinblick. Von hier gehts über den Waldgraben Richtung Lambacher Hütte und weiter zur Vorderen Sandlingalm, wo sich bereits der Blick auf mein heutiges Tourenziel öffnet: Beeindruckend steht der Sandling mit seiner Westwand vor mir, die von mehreren, teils gewaltigen Felsstürzen geprägt wurde. Ein weit ausgedehntes Schotterfeld reicht fast bis an die Sandlingalm heran und zeugt gemeinsam mit den bizarren Felsformationen von ständiger Erosion.


Über dieses Trümmerfeld nähere ich mich der Westwand, mit Bedacht wegen des lockeren Untergrunds. Am Schluss gehts über steile, felsdurchzogene Grasschrofen auf eine kleine Schotterterasse, an der sich der Routeneinstieg befindet. Bereits beim Zustieg konnte ich auf den originalen Einsteig des Reinlweg sehen, der durch einen Klemmblockkamin führt. Dieser Klemmblock war es, weswegen der vorherige Begehungsversuch abgebrochen wurde. Angeblich soll man diesen links umgehen können, aber bereits aus der Ferne habe ich hier Bedenken. Nicht ohne Grund habe ich auch Kletterpatscherl eingepackt, um mir die Variante über den Lichteneggerkamin (IV-) offen zu halten.


Ich möchte hier nicht weiter auf das Risiko von Free Solo eingehen, denn dafür wäre ein eigener Blogartikel nötig. Meines Erachtens nach spielt hier das Selbstvertrauen eine entscheidende Rolle: Ich hab mir den Kamin angesehen und mich sicher gefühlt - ob hier ein IIIer, IVer oder sonst was im Topo steht, ist hingegen sekundär.


Ich steige also in den Kamin ein und überlege mir jede Bewegung zweimal, wenn nicht dreimal. Das kostet viel Zeit, ist aber aufgrund des brüchigen Geländes unabdingbar. Zum Ausstieg hin wird der Kamin ziemlich eng und ich zögere kurz - zwar hab ich heute bewusst nur einen 15l-Rucksack dabei, aber auch der kostet Platz. Ein erster Versuch durch die Engstelle endet jäh, denn ich bleibe stecken. Ich drehe mich, teste verschiedene Positionen, aber der Rucksack hindert mich immer wieder am Vorankommen. Es bleibt also nur eins - der Rucksack muss weg. Daher schlüpfe ich aus der linken Schlaufe und schwinge ihn an meine Seite - dann ist nur ein beherzter Tritt nötig und schon passiere ich die Engstelle.


Oben angekommen pausiere ich etwas, denn der Kamin hat einiges an Konzentration abverlangt und die muss ich hier tunlichst behalten. In etwas leichterem Gelände (III-) gehts dann, etwas links haltend, zur Spitze eines Felsturms, an dem sich der erste Stand befindet. Trotz einer sanften Sanierung vor wenigen Jahren ist die Absicherung mehr als rustikal: Über die gesamte Seillänge (etwa 35m) gabs genau 2 Haken...


Vor mir baut sich nun eine Verschneidung auf, mit IV laut Topo zwar deutlich schwieriger als die originale Variante des Reinlweg links davon (III-), aber dafür fester und stabiler Fels - das punktet für mich als Solo-Begeher. Die Verschneidung ist schön, auch solo ein Genuss. Weniger angenehm ist hingegen die 3. Seillänge (III): Leicht querend gehts über einen weiteren Felsturm hinweg, aber das Gelände ist sehr brüchig und erfordert viel Zeit auf der Suche nach einer sicheren Variante. Anschließend folgt eine Querung in ausgesetztem, aber leichterem Gelände (II+), die zum Wandbuch bei einer Höhle führt. Die Anzahl der Eintragungen spricht Bände: zwei im Jahr 2012, nur eine 2013 und jetzt mit mir eine weitere 2014. Der Eintrag von 2013 spricht von einem Felssturz, der den Lichteneggerkamin versperrt hat - das erklärt jetzt die Engstelle.


Ein abdrängender Block muss nun noch überklettert werden (III-) und schließlich folgt nochmal ein Kamin, diesmal aber ein leichterer (III). Nach insgesamt 4 Seillängen endet die Route in einem Latschengürtel, der aber in wenigen Minuten überwunden ist und man erreicht den Gipfel. Während ich mir hier meine Jause gönne, werde ich von mehreren Wanderern auf die Westwand angesprochen - von interessiert über erstaunt zu ablehnend reichen die Kommentare. Free Solo sorgt halt immer für Diskussionspotential.


Über den versicherten Steig gehts dann wieder zur Vorderen Sandlingalm zurück, wo ich mir einige Minuten Zeit nehme, die Westwand nochmal zu studieren und auf mich wirken zu lassen. Ob sie mich so schnell wieder sieht, weiß ich nicht; denn so beeindruckend sie ist, so brüchig ist sie auch. Die Touren hier fallen wohl eher in die Kategorie Abenteuerklettern - einmal möchte man sie gemacht haben, aber öfters muss es nicht sein.


Fazit:
Ein Abenteuer, auch mit Seil. Denn trotz der sanften Sanierung hat man es hier mit Hakenabständen zu tun, die keinen Vorsteigersturz erlauben. Am Lichteneggerkamin gibt es genau zwei Haken: einen am Beginn und einen am Ausstieg - Zwischensicherungen sind kaum anzubringen. Das Gelände ist teilweise sehr brüchig, die Steinschlaggefahr ist erheblich.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz eine besondere Tour in einer eindrucksvollen Wand.

Facts:
  • Schwierigkeit: IV- (Lichteneggerkamin) bzw. III (Reinlweg)
  • Seillängen: 4
  • Höhenmeter: 200m
  • Kletterzeit: 1.5h
  • Zustieg: 1.5h
  • Abstieg: 1.5h

Topo und Beschreibung auf bergauf.jimdo.com:
http://bergauf.jimdo.com/klettern/totes-gebirge/sandling-westwand/


Einen GPS-Track gibts diesmal auch, der wird in Kürze nachgeliefert...




Das Schmelzwasser rauscht noch...


Imposant zeigt sich die Westwand des Sandling. Etwa in der Mitte ist ein Latschenhang zu sehen; rechts von diesem erfolgt der Zustieg.


Der Zustieg von der Vorderen Sandlingalm erfolgt über steile Grasschrofen und Geröll. Hinten in der Bildmitte bereits der markante Pfeiler mit dem Lichteneggerkamin rechts und dem Reinlweg links.

Schlingerl und Bohrhaken am Einstieg des Lichteneggerkamins (IV-). Den nächsten Haken gibts erst wieder am Ausstieg, und auch der wurde erst im Rahmen der Sanierung vor wenigen Jahren angebracht. Hier noch nicht wirklich zu sehen ist die Engstelle am oberen Ende.

Die Verschneidung in der 2. Seillänge (IV) ist sehr lohnend - hier mal zur Abwechslung sehr stabiler Fels. Man beachte die Fluchtperspektive, denn in Wirklichkeit ist das Gelände etwas steiler.

Die Querung in der 3. Seillänge, kurz vor dem Wandbuch. Nicht schwierig, aber recht ausgesetzt.

Zwei Einträge 2012, ein Eintrag 2013 und jetzt ein weiterer für 2014 - die Begehungen dieser Wand lassen sich an einer Hand abzählen...

Der abdrängende Block am Beginn der 4. Seillänge.

Nach vier Seillängen erreicht der Reinlweg schließlich den Gipfel.